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KOMMA 59/2009 Ressort Gesellschaft


Gegen die zehn Gebote kämpfen wir

Judenhaß als Vorbote von Christenverfolgungen

von Chaim Noll

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs – zu spät, um das Unheil abzuwenden – begann man im christlichen Europa und Amerika zu verstehen, was die Judenverfolgung der Nazis tatsächlich bedeutete: einen Anschlag auf die westliche Zivilisation. Sie galt nicht nur den Juden, sondern auch dem Christentum. Die europäische Zivilisation – so judenfeindlich sie sich zuzeiten gegeben hat – basiert auf dem biblischen Fundament der Nächstenliebe, der Toleranz und des Mitgefühls mit dem „anderen“. Gegen das biblische Konzept des Humanen war es in Europa und Rußland bereits im 19. Jahrhundert zu intellektuellem Aufbegehren gekommen. Neben Marxisten, Anarchisten und anderen auf „Zerstörung des Bestehenden“ fixierten Bewegungen war es vor allem Friedrich Nietzsche, dessen Aversion gegen die Moral der mosaischen Bücher tonangebend wurde.

     Nietzsches späte, vermutlich schon unter Einfluß seiner paralytischen Gehirnerkrankung verfaßte Schrift „Anti-Christ – Fluch auf das Christentum“ lieferte auch den deutschen Nationalsozialisten den philosophischen Hintergrund ihres Anschlags gegen alles im biblischen Sinne Humane. „Eine Sklavenmoral“ hatte der kranke Philosoph das biblische Konzept genannt, eine „Moral der Schwachen“, die den natürlich gesunden und starken Exemplaren im Wege sei: „Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit den Mißratenen und Schwachen – das Christentum...“ Hermann Rauschning, ein vom NS-Regime abgefallener früherer Mitkämpfer Hitlers, zitiert in seinem Erinnerungstext „Eine Unterhaltung mit Hitler“ eine Haßrede des Nazi-Führers gegen die „Sklavenmoral zum Schutz der Schwachen“ und den „Fluch der sogenannten Moral“.

     Rauschnings schaurige Erinnerung an Hitlers Wahnrede erschien 1943 als Vorwort zu dem in New York veröffentlichten Buch „The Ten Commandments. Ten Short Novels of Hitler’s War Against the Moral Code”. Dieser Prosa-Band ist in die Literaturgeschichte eingegangen, wegen der Texte von Thomas Mann, Franz Werfel, Jules Romains, André Maurois und anderen bedeutenden abendländischen Autoren, die sich in einer Zeit schwerer Prüfung und Bedrohung zum Kodex der europäischen Humanität bekannten. Thomas Mann veröffentlichte in dieser Anthologie das wohl einzige Auftragswerk seines Lebens, die Moses-Erzählung „Das Gesetz“. Herausgebern und Autoren des Bandes ging es darum, westlichen Lesern die weltbedrohlichen Weiterungen von Hitlers Judenhaß vor Augen zu führen: daß der Haß auf das Volk der Mosaischen Bücher nur der Anfang einer viel rigoroseren Zerstörungsabsicht war, daß er sich folgerichtig auch gegen das Christentum richten würde, gegen Europa und jede Gesellschaft, die sich den biblischen Kanon des Humanen zu eigen macht.

     Die Vereinigten Staaten standen vor der Frage, ob sie in den Krieg gegen Hitler eingreifen sollten. Auch damals mußte eine zögerliche westliche Welt von der Notwendigkeit überzeugt werden, ihre Werte notfalls mit Gegengewalt zu verteidigen. Thomas Manns Erzählung „Das Gesetz“ war ein Politikum bei ihrer Entstehung, er wußte darum und schrieb sie 1943 in für ihn ungewöhnlicher Schnelligkeit, binnen zweier Monate. Er sah im biblischen Gesetzeskodex schlicht und einfach „das ABC des Menschenbenehmens“. Ihn abzuschaffen hielt er für den Beginn neuer „Barbarei“. Der Versuch der Nazis, Europa „judenrein“ zu machen, galt nicht nur den lebenden Juden dieser Tage, sondern dem durch sie symbolisierten Konzept, dem biblischen, und folglich auch dem Christentum. Nach Rauschnings Zeugnis hatte Hitler 1933 erklärt: „Die Geschichte wird unsere Bewegung als die große Schlacht für die Befreiung der Menschheit vom Fluche des Berges Sinai erkennen (…) Wir kämpfen gegen den Fluch der sogenannten Moral. Gegen die Zehn Gebote, gegen sie kämpfen wir.”

     Seit damals müßte man im Westen wissen, daß offen erklärter Judenhaß, die deklarierte Absicht, „das Judentum“ oder „den zionistischen Feind“ zu vernichten, eine weitere Absicht enthält: die Christen werden die nächsten sein. Sie müssen die nächsten sein, weil das, was sie vertreten und verbreiten – trotz aller jüdisch-christlichen Differenzen – doch immer biblische, also vom Ursprung her jüdische Botschaft ist. Wenn heute die palästinensische Hamas oder der iranische Präsident Ahmadinejad zur Vertreibung und Vernichtung der Juden im Mittleren Osten aufrufen – wen wundert es, daß diese Region auch immer christenfeindlicher wird?

     Mit Erschrecken nimmt die westliche Welt zur Kenntnis, daß aus den Palästinensergebieten, aus dem Libanon, aus dem Irak und wo es immer geht, die Christen vertrieben werden, die wenigen, die es dort noch gibt. Die Kenntnisnahme führt bisher kaum zu solidarischem Handeln oder auch nur tieferem Nachdenken über eigene verfehlte Politik. Zu lange hat man den tief verwurzelten Juden- und Christenhaß des militanten Islam unterschätzt oder stillschweigend hingenommen. Das Fehlen jeder theologisch-exegetisch erarbeiteten Distanz zum eigenen Urtext macht die islamische Welt bis heute anfällig für den Haß des Propheten gegen Juden und Christen. Mühelos kann die palästinensische Hamas ihre Aufrufe zur Auslöschung „des zionistischen Staates“ und der „Kreuzfahrer“ mit Koran-Stellen belegen und ihrer blutrünstigen Charta eine religiöse Pseudo-Legitimation verleihen.

     Seit Jahrzehnten unterstützt die Europäische Union die Forderung nach einem palästinensischen Staat um jeden Preis. Eine wie selbstverständlich akzeptierte Bedingung der Palästinenser war und ist die Evakuierung aller auf ihrem Gebiet lebenden Juden, die Judenreinheit des künftigen palästinensischen Staatsgebiets. Kaum jemand in Europa scheint auf die Idee gekommen zu sein, daß es sich um einen Modellfall handeln könnte. Daß die Entfernung der Juden aus dem Gebiet des künftigen palästinensischen Staates nur der Auftakt zur Vertreibung der Christen, zur totalen Islamisierung der Region sein soll.

     Doch genau das ist geschehen. 1995 unterzeichnete Israel unter starkem Druck der europäischen und amerikanischen Regierungen das Oslo-Abkommen, das der „Palästinensischen Autonomiebehörde“ große Gebiete zu eigener Verwaltung übergab. Israelischen Staatsbürgern oder anderen Juden ist das Betreten dieser Gebiete seither untersagt. Noch dürfen die jüdischen Siedler in ihren befestigten, begrenzten, streng bewachten Gehegen leben, aber ein normaler Israeli wird, sollte er den Eintritt in die judenfreie Zone Gazas oder der Westbank versuchen, von der eigenen Polizei daran gehindert. Das Verbot gründet sich auf die Lebensgefahr, die einem Juden, sobald er palästinensisches Autonomiegebiet betritt, dort wie selbstverständlich droht.

     Kaum war die Bedingung der Judenreinheit für den künftigen Staat der Palästinenser zugesichert, begann die Palästinensische Autonomiebehörde, damals noch unter Arafat, die Christen aus den Gebieten zu vertreiben. Schon 2003 meldeten Beobachter die Massenflucht palästinensischer Christen, binnen weniger Jahre schrumpfte die christliche Bevölkerung der Palästinenser-Gebiete von 110.000 auf 25.000, also auf rund ein Fünftel ihrer früheren Zahl.

     Die meisten Christen fliehen ins Ausland, nachdem die palästinensische Selbstverwaltung ihr Land konfisziert oder andere gewalttätige Übergriffe gegen sie begangen hat. „Es gibt die klare Absicht, Bethlehem zu islamisieren“, erklärte ein Sprecher des Lateinischen Patriarchen in Jerusalem. Man kann sich nur darüber wundern, warum diese Entwicklung viele europäische Christen gleichgültig ließ, warum ihr ganzer Protest der Anwesenheit jüdischer Siedler galt, warum das Christentum so wenig innere Solidarität zeigte. Nach dem Schicksal der letzten Christen in Gaza – wo die Evakuierung der Juden inzwischen vollzogen wurde – fragt lieber niemand mehr.

     Nur zögerlich, falls überhaupt, wird in Europa der Zusammenhang zwischen Judenhaß und Christenverfolgungen verstanden. Wenn es bei den Nazis eine Art genereller Kulturhaß war, ist es bei fanatischen Muslimen Glaubenshaß. Aus Sicht orthodoxer Muslime haben Juden und Christen denselben Status in einem islamischen Staat: den von dhimmis, von nur bedingt Geduldeten, Tributpflichtigen, potentiell Enteigneten. Im Koran bleiben Juden und Christen, obwohl sie gelegentlich „Leute des Buches“ genannt werden, rechtlich gesehen den „Ungläubigen“ gleichgestellt und damit zur Verfolgung und Vernichtung freigegeben. Sie wurden unter Umständen aus Nützlichkeitserwägungen in islamischen Reichen geduldet, doch immer wieder in der Geschichte auch einfach ausgetrieben oder abgeschlachtet. Die wenigen, viel zitierten Ausnahmen, etwa die Tolerierung von Juden und Christen unter der vom islamischen Kalifat abgespaltenen Umayaden-Dynastie in Spanien, bestätigen eher die Regel. Durch die Jahrhunderte, unter den verschiedenen islamischen Herrschern, kam es zu zahlreichen Juden- und Christenverfolgungen, nicht selten miteinander verbunden.

     Heute werden Christen überall im Mittleren Osten verfolgt oder diskriminiert. Inzwischen sind die irakischen Christen hinzugekommen, rund 400.000 von ihnen mußten bisher ihr Land verlassen, um sich irgendwo ein erträgliches Exil zu suchen. Ein Ende dieses Exodus ist nicht abzusehen. Inzwischen gibt es verbotene Zonen für Juden und Christen, sogenannte No-Go-Areas, auch mitten in Europa. Aus Dänemark wird von Kirchen berichtet, die Schutzgeld zahlen müssen, damit man sie in einem muslimisch beherrschten Stadtteil duldet, aus England vom Einschreiten der Polizei gegen Christen, die sich öffentlich zu Jesus Christus bekennen, worin in gewissen Gegenden „ein Sicherheitsrisiko“ besteht. Christen in der traditionell jüdischen Situation von Verfolgten. Eine späte Annäherung in der Opferrolle.

     Thomas Mann hatte den Zusammenhang erkannt. Der Band „The Ten Commandments. Ten Short Novels of Hitler’s War Against the Moral Code“ ist sechs Jahrzehnte später von aufschreckender Aktualität. Wird man diesmal verstehen? Islamischen Judenhaß dulden bedeutet, daß auch das Christentum schweren Schaden nimmt. Nicht anders als vor einigen Jahrzehnten, als das Schweigen zur Judenverfolgung der Nazis das christliche Europa an den Rand der Katastrophe brachte.


Chaim Noll, geboren am 13. Juli 1954 in Berlin, ist ein deutsch-israelischer Schriftsteller. Noll wuchs als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll in der Nomenklatura der DDR auf. Von 1992 bis 1995 lebte er in Rom und ging dann nach Israel. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft.